Margarete Fortmann (li.) auf einer Stadtführung mit Kursteilnehmern. Die Sprachkurse werden durch ein umfangreiches Kulturprogramm und Ausflüge in Andalusien ergänzt. Fotos: Privat

Borken/Granada. „Und dann stieg ich mitten in der Nacht aus dem Bus aus, stand auf dem Plaza Nueva, mitten im Zentrum von Granada, und mir war zum heulen“, berichtet Margarete Fortmann und lacht. Vor 35 Jahren entschied die damals 25-Jährige ganz spontan, ein Jahr nach Spanien zu gehen. „Nach meinem Referendariat gab es in NRW einen Einstellungsstopp. Damals hieß es, dass bis zum Jahre 2000 keine neuen Lehrer mehr gebraucht werden und wir sollten eine Umschulung machen“, erinnert sich die gebürtige Gemenerin zurück und ergänzt: „Da ich aber immer Lehrerin werden wollte, konnte ich das nicht einfach so hinnehmen.“

Völlig ohne Plan

Schon immer hatte es ihr die spanische Sprache angetan, und als Margarete Fortmann im Gespräch mit einem befreundeten Portugiesen auf die Schönheit Granadas hingewiesen wurde, fasste sie von heute auf morgen den Entschluss, ihr Glück in Spanien zu versuchen. „Dabei hatte ich das Land bis dahin nie zuvor besucht und war völlig ohne Plan. Meine Familie war entsetzt, und im Nachhinein schüttele auch ich selbst den Kopf darüber – wenngleich ich diese Entscheidung niemals bereut habe“, so die 60-Jährige. Mit dem Bus eines Reiseunternehmens brach die junge Frau im August 1985 auf zu ihrem ganz persönlichen Abenteuer. „In Granada angekommen, habe ich die ersten Tage in einem Hostel verbracht. Schon vor der Reise hatte ich Kontakt zur spanischen Botschaft in Bonn aufgenommen. Dort erfuhr ich von einem einjährigen Hispanistik Studium, dass an der Universität Granadas für junge Menschen angeboten wurde, um ihnen Spanien näher zu bringen“, erzählt Margarete Fortmann, die über die Universität schließlich in einer Frauen-Wohngemeinschaft unterkam. „Zehn Jahre nach dem Ende der Diktatur erlebte ich Spanien noch als sehr abgeschieden, und das trotz des Tourismus im Osten des Landes. Spanien ging es darum, sich für Besucher aus dem Ausland zu öffnen. Hier setzte auch das Studium an“, sagt Margarete Fortmann, die im Rahmen des Studiums schnell Kontakte knüpfte und von der Einzigartigkeit Granadas mit der Nähe zum arabischen Raum und dessen Einflüssen umgehend fasziniert war.

Der Alhambra Palast in den Ausläufen der Sierra Nevada und im unmittelbaren Stadtzentrum von Granada gelegen ist eines der Meisterwerke arabischer Kunst und einer der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Spanien und weltweit. Er spiegelt die unmittelbare Nähe zum nordfarikanischen Raum wieder. Foto: Privat

Idee wurde Wirklichkeit

„Es brauchte eine Weile, bis ich wirklich zurecht kam. In Deutschland dachte ich immer, dass ich die spanische Sprache beherrsche, doch in Granada wurde ich eines Besseren belehrt“, erläutert sie kleine, anfängliche Startschwierigkeiten. Ein Jahr lang studierte die Deutsche an der Universität von Granada, lebte hauptsächlich von ihrem Ersparten und gab nebenbei etwas Deutschunterricht. „Als das Studium vorbei war, wussten wir alle nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Eigentlich stand die Rückkehr in die Heimat an, doch an der Uni gab es eine kleine Gruppe, die noch in Granada bleiben wollte. Nachdem wir uns zwölf Monate lang auf ziemlich trockene Art und Weise mit der spanischen Geschichte und den Eigenarten des Landes beschäftigt hatten, kam uns irgendwann die Idee, ein Projekt auf die Beine zu stellen, im Rahmen dessen Spanien und die spanische Sprache Interessierten auf andere, kommunikativere Art näher gebracht wird“, blickt Margarete Fortmann zurück. Und so kam es, dass die kleine Gruppe junger Studenten ein Haus anmietete, um dort eine Spanischschule zu eröffnen. „Dabei hatten wir jede Menge Glück: so lernten wir unter anderem einen Unternehmer aus Zürich kennen, der für Schüler- und Studentenreisen händeringend auf der Suche nach einer Spanischschule war, von denen es bis dato im Land nur zwei oder drei gab“, ist die Auswanderin noch heute dankbar dafür, wie sich von der Idee bis zur Umsetzung alles gefügt hat.

Anlässlich ihres 60. Geburtstags war Margarete Fortmann (re.) Anfang Februar in der Heimat, und feierte dieses besondere Ereignis mit ihrer Familie, Freunden und ihren ehemaligen Mannschaftskolleginnen ihrer Frauenfußballmannschaft. Foto: Privat

Interkultureller Ansatz

Der interkulturelle Ansatz, den die Sprachschule „Escuela Montalban“ von Anfang an verfolgte, sorgte dafür, dass hier schnell ein reges Treiben herrschte und die Schülerzahlen von Monat zu Monat mehr wurden. Dazu beigetragen hat vor allem auch die Situation in Mittelamerika Anfang der 80iger Jahre. Es gab eine riesige Solidaritätsbewegung mit Ländern, die unter Diktaturen litten. So wurde in der Zeit die Diktatur in Nicaragua gestürzt. Viele junge Menschen wollten dort in den Brigaden helfen und mussten hierfür Spanisch lernen. Deshalb kamen sie zur Vorbereitung zu uns und sind dann direkt weitergereist“, berichtet Margarete Fortmann, die in ihrer Freizeit am liebsten Sport treibt. „Von Wandern, Klettern, Mountainbiking, Wassersport bis hin zu Skifahren – für Aktive ist Granada ein absolutes Paradies“, ist sie begeistert von den zahlreichen Freizeitmöglichkeiten, die sie in der andalusischen Stadt wahrnehmen kann. Heute besuchen die Sprachschule rund 1500 Menschen verschiedenster Herkünfte und Altersgruppen, darunter inzwischen auch zahlreiche Flüchtlinge aus dem afrikanischen Raum. „Ich sage immer: Granada ist der Schmelztigel Europas, die Verbindung von Europa und Nordafrika, von westlicher Kultur und dem Islam, ein Balanceakt der Kulturen“, betont die Lehrerin, die ihre Wahlheimat nicht mehr missen möchte, und ergänzt: „In unserer Schule kommt die Weltgeschichte durch die Tür.“ (vr)