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Eine Glosse von HALLO-Redakteur
Ewald Kremer

Jüngst fiel mir der städtische Veranstaltungskalender in die Finger. Der ist neuerdings zweigeteilt, man kann ihn von beiden Seiten aufschlagen, je nachdem wie man ihn dreht. Die Inhalte treffen sich in der Heftmitte. Eine nicht ungewöhnliche Variante für Broschüren aller Art. Allerdings – und das sorgte dann für etwas Verwirrung in meinem Oberstübchen – man muss den Kalender von hinten nach vorne lesen, egal von welcher Seite man ihn aufschlägt. Die Oktobertermine stehen also auf der letzten Seite, die Dezembertermine ganz vorne.

Das erinnerte mich spontan an meine Grundschulzeit, in der eine Zeit lang ein ausländischer Junge mein Tischnachbar war. Burhan hatte Schwierigkeiten damit, die Heftseiten wie vom Lehrer gefordert zu füllen. Denn in der arabischen Welt schreibt man bis heute von rechts nach links. Das hat seine Ursprünge in Zeiten, in denen man noch mit Hammer und Meißel Zeichen in eine Steinplatte trieb. Die natürliche Bewegungsrichtung der auch damals schon überwiegend rechthändigen Menschen beim Anfertigen einer Keilschrift führte von rechts nach links. Alles andere wäre „Autsch“, wie altertümliche Daumen bemerkt haben dürften. Arabisch und Hebräisch wird noch heute so geschrieben. In der westlichen Hemisphäre hingegen setzte sich mit der Verbreitung von Papyrus und Pergament sowie Federkiel und Tinte das Schreiben von links nach rechts durch. Denn sonst wäre ständig die Tinte verwischt und das sah wahrscheinlich schon das damalige Lehrpersonal nicht gerne.

Wobei wir beim Thema Pädagogik angekommen sind. Sinn und Zweck eines Veranstaltungskalenders ist die zügige Information seines Nutzers über relevante Termine. Die Urheber des neuen Formates beim Borkener Veranstaltungskalender haben aber offenbar noch eine weitere Funktion im Auge gehabt: Aufmerksamkeit wecken durch Irritation. Chapeau! Dieser didaktische Kniff erreichte bei mir sein Ziel. Ob die gewählte Form nun originell oder gar sinnhaft ist, mag jeder selbst beurteilen.

Aber noch einmal zurück zum Rechtshänder. Die Bevorzugung der rechten Extremitäten (nicht zu verwechseln mit Rechtsextremen) ist nicht allein dem Menschen vorbehalten. Auch bei unseren nächsten Verwandten, den Affen, kann man sie beobachten. So knacken Schimpansen vorzugsweise mit der rechten Hand Nüsse und der Pavian droht dem Rivalen gerne mit der rechten Faust. Nach Termiten pulen und in der Nase bohren hingegen geht auch mit links, beim Affen wie auch beim Menschen.

Auch bei Blauwalen soll es eine Priorität zu rechts geben. So haben Wissenschaftler beobachtet, dass sich die riesigen Meeressäuger beim Fressen von Krill nahezu immer rechts um die eigene Achse drehen und dabei das Maul weit aufreißen. Rechtsschwenk und Maul aufreißen wiederum ist auch von manchen Menschen bekannt, aber das ist ein anderes Thema.

Bei Milchsäurebakterien gibt es bekanntlich rechts- und linksdrehende. Die beiden Arten sind chemisch identisch, aber die Anordnung der Moleküle unterscheidet sich. Verantwortlich für die linke Variante ist der Lactobacillus bulgaricus. Bifido- und Streptococcus sorgen für den Rechtsdrall der Milchsäure. Beide Milchsäuren gelten als gesund, allerdings können Kinder in den ersten zwölf Lebensmonaten die linksdrehende Milchsäure nicht gut abbauen. Was Sie mit dieser Information anfangen wollen, bleibt ihnen überlassen.

Beim Entwerfen dieser Glosse habe ich mich kurz gefragt, ob ich die Wörter diesmal alle rückwärts schreiben soll oder ob ich den Text von unten nach oben laufen lasse. Auch die Variante, ihn komplett auf den Kopf zu stellen, wurde erwogen. Damit hätte ich bestimmt Ihre volle Aufmerksamkeit erreicht, aber vielleicht auch ein gewisses Maß an Verärgerung erzeugt. Beim Gedanken daran drehte sich mir jedenfalls der Magen um – ich glaube, linksherum.

(aus HALLO Borken 11.2020 / Hinweis: Mittlerweile wurde der städtische Veranstaltungskalender überarbeitet.)