Kind als Akteur seiner Entwicklung

HALLO-Redakteurin Verena Rickert hat den Kindergarten St. Georg in Heiden besucht, der mit einem ganz besonderen Konzept den Fokus auf die freie, individuelle Entfaltung des Kindes legt, und traf hier auf kleine Künstler, Schauspieler, Forscher und Architekten.

Im Atelier können die Kinder ihren Gefühlen mit Farben und zahlreichen Materialien Ausdruck verleihen. Fotos: V. Rickert

Heiden. Was mir persönlich als erstes auffällt, als ich den Kindergarten St. Georg an der Mozartstraße betrete, ist eine beeindruckende Stille. „Das liegt daran, dass alle Kinder gerade in den Aktionsbereichen und somit ,im Flow’ sind“, erklärt mir Beate Ohters, Leiterin der Einrichtung. „Aktionsbereiche“, „im Flow sein“ – im Laufe des weiteren Gespräches sowie eines kleinen Rundgangs durch die Räumlichkeiten des Kindergartens werde ich feststellen, dass hier einiges anders läuft, als in ähnlichen Einrichtungen. Und schon jetzt kann ich verraten, dass mich der Besuch des Kindergartens tief beeindruckt hat.

Möglichmacher“ für Kinder

„Du bist etwas ganz Besonderes“ – das spüren und leben die derzeit insgesamt 110 Kinder und das Erzieherteam jeden Tag. So merke ich schnell: im Kindergarten St. Georg herrscht eine ungemeine Wertschätzung und ein sehr respektvolles Miteinander. Bei diesem besonderen Konzept geht es um viel mehr, als eine reine Betreuungsanstalt zu sein und das Kind zu bespielen. „Vielmehr sehen wir Erwachsenen uns als ,Möglichmacher’ für die Kinder, sodass sich diese nach den eigenen Interessen und Bedürfnissen in der Gemeinschaft frei entfalten können“, erläutert Beate Ohters das außergewöhnliche Kindergarten-Modell, in welches unter anderem auch die Reggio-Pädagogik einfließt. Zentrales Prinzip der Reggio-Pädagogik ist es, dass Kinder durch ihre Wissbegierde und Kreativität die eigene Entwicklung maßgeblich bestimmen und dabei von Erwachsenen begleitet, und eben nicht angeleitet werden. In Kunstateliers und Projekten ohne feste Vorgaben und Ziele haben die Kinder Zeit, ihre Fantasie zu entwickeln und zu forschen. Den Kindern werden Räume eröffnet, in denen Sozialverhalten, Bildung, die Stärkung der eigenen Persönlichkeit aber auch das Leben in Gemeinschaft vermittelt und eingeübt werden können. Alle Aktivitäten werden dabei durch Fotos, in „Könnermappen“ oder auf Plakaten dokumentiert. So können die Kinder ihre Lernprozesse nachvollziehen und überdenken. „Dadurch, dass ich die Reggio-Pädagogik kennengelernt habe, konnte ich meinen Wünschen und Vorstellungen für den Kindergarten endlich eine Sprache geben. Und umso mehr freut es mich, dass ich meine Kolleginnen mit dieser Begeisterung anstecken konnte. Alle stehen mit Feuereifer und viel Herzblut hinter dieser Idee“, so Beate Ohters.

Gefühlen Ausdruck verleihen

Dann erklärt sie mir, was es mit den verschiedenen „Aktionsbereichen“ auf sich hat, in die sich jedes Kind täglich einwählen darf. So gibt es im Kindergarten St. Georg ein Atelier sowie einen Malraum, in denen die Kinder ihren Eindrücken und Gefühlen mit Farben, Ton und vielem mehr Ausdruck verleihen können. Im Theater mit großer Bühne, zahlreichen Büchern und natürlich ganz vielen Kostümen zum Verkleiden werden schon die Kleinsten zu Schauspielern und schlüpfen spielerisch in die verschiedensten Rollen. Um gute Beobachtung und die Beschreibung von Alltagsgegenständen geht es im Rahmen der „Wunderkammer des Alltags“, die regelmäßig neu bestückt wird. Von der Zitronenpresse bis hin zum Geodreieck – hier machen sich die Kindergartenkinder Gedanken über die einzelnen Gegenstände und äußern ihre eigenen Hypothesen. Kleine Forscher und Tüftler haben die Möglichkeit, im Experimentier- und Forscherraum die Welt der Elemente und verschiedenste Materialien zu erforschen. Architekten und Bauherren können sich im Bauraum verwirklichen und eigene Bauwerke konstruieren, während sich Sportbegeisterte nebenan in der Bewegungshalle austoben.

Der Experimentierraum hält Spannendes für kleine Forscher bereit.

Begegnung auf Augenhöhe

„Beziehungsarbeit ist so etwas extrem Wertvolles – ohne sie wäre das alles hier nicht möglich“, ist sich Beate Ohters sicher. „Bei uns zeichnet sich bereits ab, welche Richtung die Kinder später einschlagen werden. Und somit hat auch jede Kollegin eine ihren Talenten entsprechende Aufgabe übernommen, von der Erzählerin im Theater bis hin zur Galeristin im Atelier – dieses ist eine gewinnbringende Situation für beide Seiten.“ Laut der Pädagogin sei es extrem wichtig, dass man sich als Erzieher mit der Entwicklung eines Menschen auskennt. „Die ersten sieben Lebensjahre sind die alles entscheidenden Jahre. Und ein Kindergarten ist die erste Institution außerhalb des Elternhauses“, so Beate Ohters und ergänzt: „Wir legen großen Wert darauf, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, wodurch auch wir nochmal ganz neue Erkenntnisse gewinnen. Denn: Erwachsene wissen nicht unbedingt mehr, sie haben lediglich mehr Lebenserfahrung.“ Gleichzeitig betont die Kindergarten-Leiterin, dass diese Herangehensweise nicht zu verwechseln sei mit antiautoritärer Erziehung: „Kinder brauchen klare Regeln und Absprachen.“ So gibt es im Kindergarten St. Georg zum Beispiel auch ein Kinderparlament mit Redeführer und Regelkärtchen. Hier können die Kinder ihre Themen, wie aktuell zum Beispiel das Walsterben oder auch die Bedeutung von Armut, einbringen und lernen gleichzeitig, wie man demokratisch abstimmt und sich in Gesprächen verhält.

Auch der Außenbereich wurde entsprechend der Aktionsräume gestaltet.

Verwirklichung unter freiem Himmel

Die Vielzahl der Kreativ-Angebote spiegelt sich auch rund um das Kindergarten-Gebäude wider. „Alle Räume wurden bewusst mit dem Außenbereich verbunden. So gibt es auch hier zu jedem Thema einen eigenen Bereich“, berichtet Beate Ohters. Vom Außenatelier, über die Matschanlage angrenzend an den Bauraum, der Naturwerkstatt, einem Amphietheater bis hin zum eigenen Nutzgarten mit Holzbackofen können die Kindergartenkinder sich auch im Jahresverlauf unter freiem Himmel verwirklichen. Zum Ende meines Besuches des Kindergartens erhalte ich noch einen Einblick in die Webstube, einen Ruheraum mit Mondschaukel und natürlich das gemütlich eingerichtete Frühstücks-Café – und ich bin völlig fasziniert von den vielen kreativen Angeboten und einzigartigen Räumlichkeiten, in der die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Egal, welchen Raum wir betreten: ich treffe auf Kinder, die völlig vertieft sind in ihrem Tun. Hier ist jedes Kind der Akteur seiner selbst – ein Konzept, das, wie der Kindergarten St. Georg eindrucksvoll zeigt, funktioniert. (vr)