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Eine Glosse von HALLO-Redakteur Ewald Kremer

„Ein zarter Hauch von Romantik umspielt den Kopf, bewirkt durch die leicht aufgeworfenen Ansatzpartien über die ganze Stirn hinweg. Das Haar am Oberkopf bleibt ruhig, in ausgewogenem Verhältnis zur Midi- und Maxi-Mode. In die Konturen des aufspringenden Haares, das über der Stirn liegt, wird durch leichte Nuancierungen ein Kranz heller Lichter gesetzt.“ So umschrieb die Fachpresse 1970 eine Frisur aus der damaligen Herbst-Winter-Mode. „Corona“ hieß der modische Schnitt, der tatsächlich ein wenig an eine überladene Königskrone oder einen Trauerkranz erinnerte.

Mit der Corona-Frisur dieser Tage hat der 70er-Jahre-Schnitt bis auf seinen Namen null Übereinstimmung. Die Version 2021 meint ja eher zotteliges Haupthaar, dessen unbändiges Wachstum entweder gar nicht oder nur laienhaft bekämpft wird. Tatsächlich dürfen die Friseure und Coiffeure im Lockdown nicht an die Köpfe ihrer Kundinnen und Kunden. Die Corona-Schutzverordnung will es so, weil beim Frisieren der Mindestabstand von 1,50 Meter nicht eingehalten werden kann. Also haben die Friseure geschlossen und machen auch keine Hausbesuche.

Wie kommt es dann aber, dass immer noch zahlreiche Profifußballer gut frisiert über das kurzgeschnittene Grün der Bundesliga-Stadien laufen? Das fragte sich jetzt Harald Esser, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerkes. Mancher Profi mit dem so beliebten Undercut (untere Kopfhälfte ist rasiert, darüber sind die Haare länger) sehe auch nach vier bis sechs Wochen Lockdown aus wie immer. Nun ist es so, dass das menschliche Haar innerhalb eines Monats rund einen Zentimeter zulegt. „Da kann also etwas nicht stimmen“, meinte Esser. Schnell bemühten sich die Gralshüter der Fußball-Bundesliga um Schadensbegrenzung:

Erklärung 1: Partnerin oder Partner (letzteres soll es ja auch bei Fußballern geben) greifen zu Kamm und Schere. Vincenco Grifo vom SC Freiburg beispielsweise kann da getrost auf die Fähigkeiten seiner Freundin vertrauen, die hat Friseurin gelernt. Doch Lebensgemeinschaften mit Friseurinnen sind meines Wissens nach kein Einstellungsmerkmal für Bundesliga-Fußballer. Bleibt noch ein größerer Rest, der ohne friseurtechnisch talentierte Familienangehörige auskommen muss.

Erklärung 2: Viele Profis seien über Weihnachten in Länder gejettet, wo die Friseure noch geöffnet haben, nach Dubai oder so. Der Kreis der Kicker, die einen solchen Luxustrip unternommen haben, dürfte ebenfalls überschaubar sein. Und so etwas raushängen zu lassen, ist doch eher peinlich.

Erklärung 3 und zugleich die wahrscheinlichste: Die Fußballer haben sich als Pudel verkleidet und suchten einen Hundesalon auf. Denn Hundefriseure dürfen ihrem Handwerk auch im Lockdown nachgehen. Das haben sie jetzt sogar höchstamtlich vom Verwaltungsgericht Münster bestätigt bekommen. Sie dürfen ihre Kundschaft sogar trimmen, eine weitere Schnittmenge mit dem Profifußball.

Wie auch immer die Profis zu ihren feschen Frisuren kommen, mir kann das alles egal sein. Meine Locken sind schon lange down, ich trage den Undercut ganzköpfig. Und wenn meine Frau mal wieder mit dem 6mm-Vorsatz der Haarschneidemaschine sanft über meinen Schädel surrt, dann umspielt ein zarter Hauch von Romantik meinen Kopf und ich weiß mich in ausgewogenem Zustand mit mir und der Welt.