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Eine Glosse von HALLO-Redakteur
Ewald Kremer

Erst knapp zehn Jahre alt, brutal geschlagen, dann im Netz gefangen, mit einem rumpeligen Lkw mehrere hundert Kilometer durch Europa kutschiert, auf einem winterlichen Verbrauchermarkt-Parkplatz ausgesetzt, kurz ausgenetzt, erbarmungslos angespitzt, dann wieder in zähes Nylon gepackt, erneut befreit, nur um dann mit Stahlbändern am Fuß fixiert und ausgestellt zu werden – unser jüngster winterlicher Hausgast hat ein wahres Martyrium hinter sich. Ich rede vom diesjährigen Weihnachtsbaum. Und ich bin nicht schuldlos an seinem grausamen Schicksal.

Die Nordmanntanne, die seit kurzem unser Wohnzimmer ziert, wurde keineswegs von den Nordmännern kultiviert, sondern kam dereinst aus dem Kaukasus, wo sie noch heute gerne siedelt. Gefunden hat sie dort der finnische Biologe Alexander Nordmann (1803-1866). Sie stand zusammen mit Artgenossen im heutigen Georgien herum – ganz freiwillig, im Gegensatz zu meinem Exemplar.

Populär machte die Nordmanntanne und ihre Verwandten vor 150 Jahren König Wilhelm I., der sie im deutsch-französischen Krieg zu Weihnachten an die Front schickte. Von dort wanderte der Tannenbaum, bis dahin eher ein großbürgerliches Luxusgut, alljährlich in die weihnachtlichen Allerweltsstuben. Er ging natürlich nicht selbst, sondern wurde getragen.

Wussten Sie übrigens, dass die Nazis 1940 ihren Plan zum Überfall der Schweiz „Unternehmen Tannenbaum“ nannten. Merkwürdig, dass wir den Grünling bis heute als Hoffnungsträger für eine friedvolle Zeit betrachten.

Nun, Weihnachtsbäume boomen – besonders im Coronajahr 2020. Denn die Kontaktbeschränkungen sorgen dafür, dass diesmal viele Alleinstehende, Paare und Kleinfamilien ganz für sich Weihnachten feiern. Heißt im Umkehrschluss: Wer sonst zur buckligen Verwandtschaft gereist ist und sich dort den Bauch mit Kartoffelsalat und Dominosteinen vollschlug, benötigt nun erstmals selbst einen Baum. Der Verein Bayerischer Christbaumanbauer rechnet daher sogar mit einem Rekordjahr.

In unserer Familie gab es trotz traditioneller Weihnachtstagsfamilienzusammenführung immer einen Tannenbaum. Das ist auch in diesem Jahr nicht anders, obwohl ich diesmal einen Verzicht erwog. Eine kurz durch meinen Kopf ziehende Coronajahrweihnachtsbaumweglassabstimmung ging allerdings 1:3 gegen mich aus. Also stand auch ich kürzlich wieder auf einem der oben genannten Verbrauchermarktparkplätze und schaute mir Nordmanntannen in Netzstrumpfhosen an, nur um mir Sprüche anzuhören wie „Oben fehlt’s, in der Mitte könnte er dafür etwas weniger Volumen haben.“ Gut, diesmal war ich gar nicht gemeint, sondern der Baum. Aber für mich bleibt der Weihnachtsbaumkauf irgendwie eine traurige Angelegenheit. Vor allem, wenn man an die einsam zurückgelassenen Vertreter der Gattung denkt, die alljährlich dem Mode-Diktat der Weihnachtsbaumbehängwirtschaft zum Opfer fallen.

Und nachhaltig ist die Sache ja auch nicht. Obwohl ich gehört habe, dass die Weihnachtsbäume nach dem Fest und selbstverständlich abgeschmückt Zooelefanten zum Fraß vorgeworfen werden. Nun wäre der Kreislauf aber erst geschlossen, wenn der Tannenbaum nach Gang durch den Elefantenmagen in seinem neuen Aggregatzustand wieder in eine Tannenbaumschonung eingebracht würde. Neulich träumte ich, ich sei am Tag der Heiligen Drei Könige von Förster Holger Eggert im Sternbusch angetroffen worden. Er fragte mich mit bedrohlicher Stimme. „Was hast‘n da im Eimer, bestimmt kein Gold, Weihrauch oder Myrrhe?“. „Postweihnachtliche Elefantenscheiße“, sagte ich und wachte schweißgebadet auf.

Sie sehen, das mit der Nachhaltigkeit beschäftigt mich. Ich habe daher schon mit einem geballtem Weihnachtsbaum geliebäugelt, also mit Wurzel und Erde untenrum. Aber damit ist auch kein Blumentopf zu gewinnen. Denn wohin damit nach dem Fest? Balkon und Garten sind ja irgendwann ausgereizt. Und von einem Gnadenhof für abgehalfterte Weihnachtsbäume habe ich noch nicht gehört. Vielleicht wäre das noch eine Geschäftsidee!?

Noch einmal zurück zum Coronajahr 2020. Wissen Sie eigentlich, was man aus Nordmanntannen macht, wenn sie keine Karriere als Weihnachtsbaum einschlagen? Zu Möbelholz reicht es qualitativ nicht, sie werden daher zu Papier verarbeitet. Im Zweifelsfall zu Toilettenpapier. Was passiert nun also, wenn wir in diesem Jahr einen gigantischen Weihnachtsbaumabsatzrekord aufstellen? Genau!